Karl Lippegaus' diary of jazz

#13 Furchtlos durch den Freitag |

Begegnung mit dem Pianisten Omer Klein

Text: Karl Lippegaus

Köln, 23.01.2015 | Omer Klein gehört zu den zahlreichen Talenten, die die israelische Jazzszene uns seit einigen Jahren beschert. Der 1982 geborene Künstler ist mit seinen 32 Jahren ein virtuoser Jazzpianist, ein souveräner Bandleader und ein Komponist, der seiner Phantasie, was Klänge und Formen betrifft, keine Grenzen setzt.

Aufgewachsen ist er in Israel, wo er als siebenjähriger Junge zum Klavierspiel fand, genauer an der Mittelmeerküste, und das Temperamentvolle, Eklektische ist seinem Spiel eigen. Mit sechzehn gab er die ersten Konzerte und studierte dann am Berklee College Of Music, der berühmten Kaderschmiede der Jazzmusiker in Boston. Zu seinen Lehrern gehörten namhafte Pianisten wie Danilo Perez, Ran Blake und Fred Hersch. Seit einigen Jahren lebt Omer Klein in Düsseldorf und in diesen Tagen erscheint „Fearless Friday“, das erste Album seines neuen Trios..

Einer der Gründe, warum der israelische Pianist diese Platte „Angstfreier Freitag“ nannte ist, dass in Israel die Woche am Sonntag beginnt und der Freitag der sechste Tag ist – nicht wie im christlichen Abendland der fünfte. Er sagt, die Titel für seine Alben und seine Kompositionen entsprängen dem gleichen kreativen Impuls, der die Musik hervorbringe. Oft sei er vielleicht nicht die beste Person, um die Titel und die Musik zu erklären. Aber als er den Song geschrieben hatte, ging er raus auf die Straße in Düsseldorf, und die Alliteration im Titel prägte sich ihm ein.

Omer Klein überlässt es gerne der Phantasie seiner Zuhörer, selber darüber zu meditieren, was ein Titel wie „Angstfreier Freitag“ bedeuten könnte. Freitagabend ist der Beginn des Shabats und des Heiligen Tages. Vielleicht, sagt Omer Klein, gäbe es „in uns allen dieser Gegensatz: zwischen dem Bestreben, tapfer oder weniger couragiert zu sein, dem zu folgen was uns aufgetragen ist; und dem nachzugehen, was wir wirklich wollen. Wir alle müssen mit Kompromissen im Alltag leben. Befolgen, was jemand anders von uns verlangt. Doch wenn das Wochenende naht, wenn der Freitag anbricht, spüren wir, dass diese Zwänge oder auch Ängste etwas nachlassen.“

Wie entstand das Stück, das Ihrem Album den Namen gab?

Die Komposition „Fearless Friday“ hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Sie ist gebaut aus drei oder vier melodischen Fragmenten. Sie kamen wir zu verschiedenen Zeitpunkten – im Abstand von Monaten und Tagen – in den Sinn, vielleicht sogar in verschiedenen Ländern, das weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls sang ich diese kleinen Melodien in mein iPhone, …, um sie nicht zu vergessen. Ich fand sie cool, und eines Tages kamen sie alle zusammen. Wenn jemand einen Roman schreibt, beginnen die Charaktere irgendwann zu ihm zu sprechen, sie verselbstständigen sich und der Schreibende merkt: die Story nimmt Fahrt auf. Auf einmal schienen mir all diese kleinen Fragmente zu sagen: wir gehören zusammen. Und wenn ich das Stück „Fearless Friday“ heute höre, klingt es für mich sehr natürlich. Es ist schwer zu glauben, dass es nicht als ein großes Stück konzipiert wurde.

Auf dem neuen Album ist Omer Klein erstmals mit einem neuen Drummer zu hören, er heißt Amir Bresler und ist das jüngste Mitglied in der Band. Omer Klein ist 32, Haggai Cohen-Mali, sein langjähriger Bassist, ist 28, und Amir, der Schlagzeuger, ist 25 Jahre alt. Seit Dezember 2013 arbeiten sie in dieser Kombination zusammen, kennen sich aber schon viel länger, sie sind viel zusammen gereist und teilen seit früher Jugend das gleiche Interesse am Jazz. 2014 waren sie viel auf Tour und die Musik sei mit dem neuen Mann am Schlagzeug sehr gewachsen, findet Omer Klein. Amir kam für den hervorragenden Drummer Ziv Rávitz in die Gruppe. Die Musik des Trios ist jetzt noch enger ineinander verzahnt; die Dreierformation erzeugt viel Groove und beweist eine große Offenheit nach allen Seiten. Es passe einfach zu seinen neuen Kompositionen, findet Omer Klein, und es mache ihm und den beiden anderen viel Spaß.

Ich liebe Songs und höre viele verschiedene Arten von Musik. Immer suche ich nach neuen Ideen für die Frage: Was kann ein Song sein? Was kann da noch hinzu kommen? Auch wenn es nur 20 Sekunden dauert. Gegen Ende von „Yemen“ entsteht ein Gefühl von Ekstase. Das ist eines von zwei Stücken, die ich schon einmal für mein Soloalbum „Heart Beats“ (2008) aufgenommen hatte, „Yemen“ und „Niggun“. Mit den Jahren wurde mir klar: es gefiel mir, wie ich sie auf dem ersten Album gespielt hatte, aber sie konnten auch eine Trioversion vertragen.

Ihre Musik hat etwas Optimistisches, sie vermittelt Freude am Leben und ist oft sehr energiegeladen.

Natürlich habe ich - wie jeder Mensch - auch dunklere Seiten, vielleicht aber durch meine Abstammung, Erziehung und durch meine Eltern, die lebensbejahend und fröhliche Menschen sind, diese Eigenschaften mitbekommen, so wie meine Brüder. Wenn man hinfällt, steht man eben wieder auf und macht weiter; nicht mit einem falschen Lächeln, sondern einem echten. Ich finde nicht, dass meine Musik immer happy oder optimistisch klingt, beides sind ja auch verschiedene Dinge. Sie klingt definitiv nicht immer happy, aber wenn sie optimistisch wirkt, macht mich das glücklich. Dieser Optimismus ist ja nicht unrealistisch, sondern entspringt eher dem Streben im täglichen Leben, aus der Erkenntnis heraus, dass es Dunkelheit, Schmerz und Verlust gibt, und man da herauswachsen muss.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Ich glaube, bevor ich die Musik für mich entdeckte - als Kind von drei, vier oder fünf Jahren - hatte ich schon eine gewisse Leidenschaft und wollte was tun, das sich auf viele Menschen überträgt. Anderen etwas mitteilen, es mit ihnen teilen; etwas, das ihnen helfen kann und in ihr Leben eindringt. Um ihnen eine gewisse Wärme zu geben. Von Geist zu Geist. Das spürte ich also schon sehr früh. Dann gab es aber noch was, das für aufführende Künstler wichtig ist: der Wunsch, im Zentrum des Interesses zu stehen, jemand auf den sich alle Blicke richten. Schon als Fünfjähriger bat ich darum, Klavier spielen zu dürfen. Dann dauerte es nochmal zwei Jahre, bis meine Eltern das für mich organisiert hatten; jetzt bin ich 32 und kann sagen dazwischen gab es nie einen Tag des Zweifels, dass es vielleicht nicht das Richtige für mich gewesen wäre. An manchen Tagen lief es wunderbar, an anderen Tagen war es mit der Musik etwas mühevoller, aber das erinnerte mich nur daran, dass ich noch härter an meiner Sache arbeiten musste. Diese tiefe Verbindung zur Musik, auch die warmherzigen Reaktionen vom Publikum haben mir viel Rückenwind gegeben.

Omer Klein, Sie spielen viel live und die auf den CDs dokumentierte Musik reflektieren jeweils nur einige Aspekte ihrer Arbeit, stimmt’s?

Ja. Im Kino und im Fernsehen können wir uns noch Jahre später an der großartigen Arbeit der Schauspieler und Regisseure erfreuen. Das Theater ist eine Kunst, die man entweder gesehen hat, weil man dabei war, oder man hat es versäumt. Wir können Biografien über große Schauspieler wie Sarah Bernhardt lesen und uns fragen, wie es wohl gewesen sei, sie zu erleben. Jazz ist nicht wie Theater, denn wir haben die Schallplatten; dennoch haben beide Kunstrichtungen etwas gemeinsam. Jeden Abend spiele ich für ein anderes Publikum in einer anderen Stadt. Und wenn etwas Besonderes da passiert, haben es nur die Anwesenden gesehen. Vielleicht sind es Dinge, an die nicht mal ich selbst mich erinnern werde. Das liebe ich so am Jazz und finde, er es ist wie das Leben.

In der Mappe hier neben uns liegt ein dicker Stapel von Entwürfen, für Stücke, die Sie irgendwo geschrieben haben, unterwegs oder daheim.

Ich verrate Ihnen jetzt mal ein Geheimnis. Einige dieser unfertigen Songs haben wir mit dem Trio zum Teil schon mehrmals live ausprobiert. Und obwohl meine beiden Mitspieler manche sehr gut fanden, entschied ich am Ende, dass ich sie nicht aufnehmen wollte und sie waren enttäuscht. Wir lassen alle Konzerte aufnehmen und ich höre sie mir danach nochmal an. Es kommt vor, dass mich ein Song anfangs gar nicht überzeugt hat und ich ihn schon weg werfen will. Aber Hagai der Bassist und Hamir der Drummer sind so sehr dafür, dass der Song bleiben soll und überzeugen mich, es im Repertoire zu behalten.

Erzählen Sie uns bitte noch etwas über Ihren genauen Werdegang.

Ich wurde 1982 geboren in Israel. Ich bin aufgewachsen in Netanya, einer Stadt an der Mittelmeerküste, zwischen Tel Aviv und Haifa. Ich bin der älteste von drei Brüdern und niemand in meiner Familie ist Künstler. In dem Sinne war ich die große Ausnahme, aber ich habe eine sehr liebevolle Familie, die mich immer sehr unterstützt hat. Die Highschool besuchte ich in Tel Aviv, das war also schon der Auszug in die große Stadt. Dort gibt es die wichtigste Oberschule für die Künste in ganz Israel.

Es hat mir die Sinne geöffnet, als ich mit jungen Leuten aktiv werden konnte, die schon sehr gut Musik machten. Einer gab mir das erste John Coltrane-Album; der andere sagte: „Du kennst Radiohead nicht? Du musst ja verrückt sein!“ Auch unsere Lehrer fand ich sehr ok. Mit zirka 16 Jahren fing ich an, professionell zu spielen, und habe seitdem viele Konzerte gegeben.

Mit 23 Jahren zog ich um in die USA, nachdem ich schon jahrelang auf großen Bühnen in Israel aufgetreten war. Ich hatte schon begonnen, mich als Jazzpianist und Komponist weiterzubilden. Schon in meiner Heimat hatte ich einige wichtige Lehrer, doch in Amerika konnte ich meinen Horizont noch stärker erweitern. Ich ging zur Schule am New England Conservatory in Boston; mein privater Lehrer dort war der Pianist Danilo Peréz. Dann zog ich um nach New York und studierte weiter bei dem großartigen Jazzpianisten und Pädagogen Fred Hersch.

Ich begann als Sideman, aber auch schon als Bandleader aufzutreten – in New York, an all den Orten, von denen ich geträumt hatte: sogar in der Carnegie Hall und im Blue Note. In der Carnegie Hall im Duo mit dem Bassisten Haggai Cohen Milo, im Programm mit anderen Künstlern, das war schon eine tolle Sache. Vielleicht war mir sogar das Engagement im Blue Note noch wichtiger. Mein ersten Alben – „Introducing Omer Klein“ und das Soloalbum „Heart Beats“ kamen in dieser Zeit zustande – 2007 und 2008. Gleichzeitig begann ich mit meinen 25 oder 26 Jahren die ersten Tourneen zu machen und spielte in den USA und ziemlich häufig in Europa.

Israel scheint fast jedes Jahr große neue Talente im Jazz hervorzubringen. Fast jeden Monat hören wir von großartigen Leuten. Ist mein Eindruck korrekt, dass es gerade in Israel eine sehr lebendige Szene gibt?

Ja, das stimmt. Würde man es prozentual an der Bevölkerung messen, dann gibt es zumindest seit einem Jahrzehnt eine große Zahl fantastischer Jazzmusiker. Ich sehe mich nicht als Teil der ersten, sondern schon der zweiten Generation; die erste begann in den frühen 90er Jahren. Die Bassisten Avishai Cohen und Omer Avital und der Posaunist Avi Lebovich sind damals nach New York gezogen. Wenn sie an einer Jam-Session teilnahmen und gefragt wurden, woher sie stammten und antworteten: „Aus Israel“, dann schaute man sie nur ungläubig an. Man sah es als ein Land, das überhaupt nichts von Jazz wusste. Danach folgten ihnen andere und für meine Generation trennen uns zehn Jahre von Avishai Cohen und Omer Avital. Als ich 15, 16 war fand ich Alben, auf denen Avishai mit Pianisten wie Danilo Peréz und Chick Corea zu hören war. Eines Tages kam Omer Avital und gab ein Konzert in Israel; ich sass da und spürte: Dieser Typ spielt auf dem höchsten Niveau Jazz, das ich kenne. Sie zeigten uns den Weg und als wir an die amerikanischen Schulen kamen, fiel das den Lehrern schon auf: „Oh, dieser Typ kommt aus Israel, vielleicht hat er Talent.“ Es hatte eine Wirkung auf die israelische Szene, dass einige Spieler sich in New York so gut behaupten konnten. Einige kamen zurück, um in Tel Aviv zu unterrichten und das ist sehr viel wert. Es ergab sich ein Feedback-Prozess. Aber ich muss sagen, es gibt leider immer noch kein einziges seriöses Plattenlabel für Jazz in Israel. Es gibt nicht genug Jazzclubs. Es gibt keinen Produzenten wie John Zorn. Wir haben kaum Jazzfestivals. Das ist schade. Nicht nur im Jazz, z.B. auch im Film und im Tanztheater sowie in der Literatur sehen wir: dass die Talente trotz aller Widerstände wachsen und wachsen. Und zwar trotz statt aufgrund der mageren staatlichen Unterstützung.

Woher rührt der starke Latin-Jazz-Einschlag in Ihrer Musik?

Ich habe Wurzeln in Afrika. Die Familie meiner Mutter sind nordafrikanische Juden, die von Tunesien und Libyen aus nach Israel zogen. Ich selbst spüre eine starke Beziehung zur Latin-Music, ich weiß selber nicht genau warum. Die Familie meines Vaters stammt aus Ungarn, sie kamen mit dem Holocaust nach Israel, sie überlebten als Kinder den Holocaust. Ich hatte eine sehr bewegende Erfahrung, was das betrifft: Während meine Großmutter sich mit ihrer Mutter in Budapest vor den Nazis versteckte, wurde ihr Vater deportiert und nie wieder gesehen. Vor ein paar Jahren gab ich ein Konzert mit dem Trio in einer Synagoge in Budapest. Nicht in der großen, der berühmten Synagoge, es gibt noch eine andere, die wird heute für Konzerte genutzt, ein sehr schöner Ort. Während ich dort spielte, musste ich an diesen Mann denken, der seinen Kindern und seiner Frau entrissen wurde. Ich stellte mir vor, was wäre, wenn jemand ihm damals gesagt hätte: „Weißt du was? Deine Tochter, dieses fünfjährige Mädchen, das sich gerade versteckt, sie wird durchkommen. Sie wird eine Frau werden und ein Kind bekommen. Dieses Kind wird ein Mann werden und selber ein Kind zeugen. Dieser Sohn wird erwachsen und er wird Pianist werden. Dann wird er hier in der Synagoge für die Menschen von Budapest spielen.“ Wissen Sie, diese kleine Story ist für mich die jüdische Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Geschichte dieses Jahrhunderts ist eh schon verrückt und unsere, wissen Sie, die ist haarsträubend.

Hörtipp:

Omer Klein, „Fearless Friday“ (Neuklang)