Portrait: Den Balkan im Herzen - Nicolas Simion

Das erste Mal sah ich Nicolas Simion im Oktober 1994 im damaligen Satiricon- Theater in Essen-Rüttenscheid. Es spielte das Mal Waldron Quartet und Nicolas Simion hatte da schon den Platz des verstorbenen Jim Pepper in diesem Quartett eingenommen. Und da stand er nun auf der Bühne, ein bärtiger Typ und zog mich mit seinem kräftig-urwüchsigen Spiel und seinem so markanten, individuellen, gleich identifizierbaren Ton auf dem Tenorsaxofon sofort in den Bann. Diese amerikanische Band mit rumänischer Beteiligung  spielte an diesem Abend nicht nur Stücke von Mal Waldron, Ed Schuller oder Jim Pepper, nein, auch ein Song von Nicolas Simion war dabei: „Transylvanian Dance“, lange Zeit meine Lieblingsnummer des Rumänen. Ein paar Jahre später lernte ich Nicolas Simion dann persönlich kennen. Und er ist nicht nur ein großartiger, von manchen vielleicht noch immer unterschätzter Musiker, sondern auch ein warmherziger, humorvoller, äußerst sympathischer Mensch. Einer, der 24 Stunden am Tag für seine Musik lebt, immer an ihr arbeitet, sie immer weiterentwickeln möchte.

         Es ist diese so gut funktionierende Mischung aus amerikanischem Jazz und Funk mit den folkloristischen Wurzeln seiner rumänischen Heimat, die sich im Laufe der Jahre, ja nun schon  Jahrzehnte, immer mehr herauskristallisiert haben, die die Musik von Nicolas Simion ausmachen, besonders machen. Musik aus dem Balkan ist derzeit hip und überrollt die Radiostationen; Nicolas Simion aber erforscht schon lange und zudem ernsthaft die Musiktraditionen aus Europas Südosten. Wie sich Simions Musik entwickelt hat, belegen zwei der drei neuen Veröffentlichungen, die der Saxofonist und Klarinettist auf seinem eigenen Label 7Dreams-Records herausgebracht hat (in Deutschland vertrieben durch NRW Vertrieb). Denn neben der 2004 in Bukarest aufgenommenen Duoplatte „Classic Meets Jazz Vol. 1“ mit dem deutschen Pianisten Florian Weber (in dieser Reihe werden demnächst auch von Nicolas Simion geschriebene und eingespielte Stücke für Sinfonieorchester veröffentlicht) erscheinen mit „Jeu des Garçons“ und „Unfinished Square“ zwei noch viel ältere Aufnahmen erstmals auf Tonträger. Und sowohl die 1993 zusammen mit den Amerikanern Peter Perfido (Drums), Lonnie Plaxico (Bass) und Michael Cain (Piano) in Wien aufgenommene „Jeu des Garçons“ als auch „Unfinished Square“, eingespielt drei Jahre später ebenfalls in Wien mit dem polnischen Trompeter Tomasz Stanko, dem Österreicher Andreas Mayerhofer an den Tasten, dem US-Drummer Jamey Haddad, dem deutschen Posaunisten Nils Wogram und dem US-Bassisten Ed Schuller, zeigen einen Nicolas Simion, der schon deutlich hörbar auf Spurensuche nach seinen Wurzeln war. Warum erscheinen diese Aufnahmen gerade jetzt? „Sie sind einfach gut“, findet Nicolas Simion. „Und sie sind eine Dokumentation dessen, was ich früher gemacht habe. Ich habe damals immer Plattenlabel gesucht und nie das passende gefunden. Meine Erfahrungen mit Plattenfirmen sind ehrlich gesagt nicht so gut. Niemand hat sich wirklich um mich gekümmert. Deshalb habe ich 2005 auch beschlossen, mit 7Dreams Records mein eigenes Label zu gründen“. Noch in diesem Jahr wird wohl endlich die 2004 mit der WDR Big Band Köln aufgenommene Platte „Balkan Jazz“ erscheinen. Aber nicht auf dem eigenen Label, sondern auf NRW Records.

         Von den Anfängen seiner Kindheit im  transsilvanischen Dorf Dumbravita, wo die Zigeuner von gegenüber immer Musik spielten und ihn damit neugierig machten über die Lehrerin, die seinen Eltern empfahl, den Sohnemann doch unbedingt auf die Musikschule zu schicken, über den sehr talentierten Zigeuner, der während seiner Militärzeit in der dortigen Kapelle Saxofon spielte und über die Musik aus dem Radio improvisierte und ihn damit endgültig zu diesem Instrument und zum Jazz brachte, über die Ausbildung an der Musikakademie in Bukarest, die Flucht über Warschau und Ungarn nach Österreich, wo Wien für zehn Jahre seine Heimat werden sollte, bis hin zu seinem jetzigen Wohnort in Köln, in dem er nun auch schon mehr als eine Dekade lebt  – das Leben des Nicolas Simion war immer ein aufregendes. Privat und musikalisch. Dass er in letzter Zeit so häufig wie nie nach Rumänien reist, um dort zu spielen und Projekte anzuschieben – damit schloss sich zu seinem runden, seinem 50. Geburtstag, den er im Juni letzten Jahres mit vielen Freunden und natürlich eigener Livemusik im Kölner Loft feierte, erst einmal ein Kreis.    

         Da passt die neue CD „Transylvanian“ Jazz gut zu dieser Entwicklung. Diese CD ist ein Projekt des Cantemir-Kulturprogramms (ein Programm zur Förderung des Austauschs von rumänischen mit ausländischen Künstlern) des Institutul Cultural Român, des ICR, in Bukarest. Seit 2002 unterstützt das ICR Kulturprojekte aus den Bereichen Tanz, Theater, Literatur, Kunst  und eben auch Musik. Nicolas Simion hat sich vor ein paar Jahren einfach mal beim ICR vorgestellt und seitdem gab es schon einige gemeinsame Projekte. Diese mit Hilfe des ICR entstandene CD aber soll den Rumänen richtig ins Rampenlicht rücken, finanzierte das Rumänische Kulturinstitut doch die Pressung von 27.500 Kopien, die allesamt kostenfrei verteilt wurden. Auf „Transylvanian Jazz“ arbeitet Nicolas Simion einmal mehr mit einem neuen Line-Up. Aus zwei Gründen variiert der Rumäne immer wieder seine Besetzungen. „Ich suche mir eben gerne die passenden Musiker für ein bestimmtes Projekt. Manchmal ist auch der Zufall dabei. Ein Musiker geht, ich suche jemand anderen und dann finde ich ihn plötzlich und er ist der richtige. Es ist aber auch sehr schwer, eine feste Band zusammenzuhalten.“

         Die Hälfte der Stücke auf „Transylvanian Jazz“ hat Nicolas Simion speziell für dieses Projekt komponiert – Stücke, die von der transsilvanischen Volksmusik inspiriert sind. Und die anderen, schon vorhandenen Kompositionen, hat er für diese Besetzung umarrangiert. Diese Platte ist wohl Simions folkloristischste. Es scheint, je länger der Reedsman aus Rumänien weg ist, umso mehr nähert er sich seinen musikalischen Wurzeln. „Ja, das stimmt. Und ich weiß auch nicht, wie das jetzt weiter geht, ob ich vielleicht demnächst nur noch die Hirtenflöte Caval und die Klarinette spiele“, meint ein leicht verschmitzt lachender Nicolas Simion, um dann ganz ernst anzufügen: „Es ist schon eine ganz klare Entwicklung bei mir in die Richtung Ethno-Folk-Jazz. Aber was soll ich mit den Jazzstandards auch anfangen? Ich lebe nicht in New York und nicht in Amerika und spiele eben nicht so viel mit Amerikanern.“  

         Interessanterweise klingt seine Musik bei seinen inzwischen wieder regelmäßigen Auftritten in Rumänien aber doch deutlich jazziger als hier im Westen. „Ethno-Jazz wird in meinem Heimatland nicht so geschätzt und verstanden. In Rumänien möchte man entweder Folklore oder Jazz hören. Und Ethno-Jazz bedeutet für die Leute dort Namen wie Goran Bregovic oder die Fanfare Ciorcalia.“ Namen also, die dann doch für etwas anderes stehen als Nicolas Simion. Text & Fotos: cg 

 

 


Aktuelle CD:

Nicolas Simion Group:Transylvanian Jazz (7Dreams)