Interview mit Jean-Paul „Bluey“ Maunick von Incognito

Kalt sei es in London, meint Jean-Paul „Bluey“ Maunick, der mal wieder in einem gottlob warmen Studio sitzt. Für Chaka Khan ist ein Tack zu schreiben,  am Abend dann noch ein Remix anzufertigen für Mario Biondi. Musik bestimmt eben das Leben des Masterminds der britischen Jazzfunkband Incognito. Und da verschmerzt es der Mann aus Mauritius, dass seine Wahlheimat England in Sachen Temperatur nur wenig Wärmendes zu bieten hat.

Dafür lässt sich in England gut Musik machen. Von London aus startete die Erfolgsgeschichte von Incognito. Und was vor 30 Jahren begann, mündete im August in der Londoner O2-Arena in einem grandiosen Jubiläumskonzert, dass jetzt bei in-akustik unter dem Titel „Live in London – The 30th Anniversary Concert“ als Doppel-CD und auch als Doppel-DVD erscheint. Darauf zu hören und zu sehen sind Riesenhits wie „Talkin´ Loud“, „Always There“, „Still A Friend Of Mine“ oder „Don´t You Worry ´Bout A Thing“. Das Line-Up ist ein großzügiges, mit Streichern und ehemaligen Stimmen der Band wie Maysa Leak oder JoceIyn Brown. „Dieser Konzertabend war easy, aber sehr stressig“, erinnert sich Bluey. „Wenn der einfache Part ist, die Leute anzurufen, alle wollten sie bei diesem Jubiläumskonzert dabei sein, dann wurde es mit der Logistik des Ganzen schwierig. Du musst Leute aus Amerika holen, das Equipment organisieren, von dem du glaubtest, dass du es hast. Aber es war alle Mühe wert. Weil wir das alles machen, um in die Gesichter der Zuhörer zu schauen und die Reaktionen des Publikums zu spüren. Du könntest das Zeug auch alleine in deinem Schlafzimmer spielen, aber wenn du dann Leute siehst, deren Seele deine Musik berührt, die sich dann besser fühlen, das ist es. Mir geht es doch genauso, wenn ich zu einem Konzert gehe.“ So hat Bluey Musik auch die Musik für sich entdeckt, am Strand seiner ursprünglichen Heimat Mauritius. „Damals bin ich von der Musik von meinem kleinen Leben mit viel Krankheit wegtransportiert worden. Ich war fünf und oft krank im Bett, aber die Musik hat mir das Gefühl gegeben, ein Gigant zu sein. Ich habe mich wie Godzilla gefühlt, einfach so, als wäre nichts unmöglich.“ Längst sind es Bluey und Incognito, die mit ihrer eingängigen und erregenden Mischung aus Jazz, Funk und Soul Musikfans in aller Welt besser fühlen lassen. Auch beim Jubiläumskonzert war die Stimmung riesig. Bluey aber hat den Abend in London gar nicht richtig wahrgenommen. „Ich erinnere mich an die ganze Arbeit, die wir in diesen Abend gesteckt haben. Aber an das Konzert selbst habe ich nur wenige Erinnerungen. Ich glaube, ich werde mir bald mal in Ruhe die DVD ansehen müssen.“

    An ein anderes, älteres Konzert erinnern sich der Autor dieser Zeilen und der Incognito-Chef genau. Im Sommer 1995 war die Band auf Tour mit ihrer Platte „100° and Rising“ und gastierte in der Dortmunder „Live Station“, einem Club im Hauptbahnhof. Es war ein heißer Tag, der Club gerammelt voll und der Schweiß lief die Beine herunter. Wie passend zum Albumtitel. „Es war höllisch warm und einer unserer Musiker wurde fast ohnmächtig“, weiß Bluey, der sicher noch so viel erzählen könnte aus 30 Jahren Bandgeschichte. Über 1500 Musiker haben in all den Jahren in der Band gearbeitet. Vielleicht auch ein Grund, warum Incognito eine so lange Haltbarkeitsdauer haben. Ein jeder bringt seine Einflüsse mit ein, aber Bluey ist derjenige, der darauf achtet, dass alles zusammenpasst. „Denn ich habe schon eine genaue Vorstellung von dem Sound, den Incognito immer haben sollten.“ Das sagt ein Mann, der sein Visier immer weit geöffnet hält und so vielseitig arbeitet. „Ich mag es, wenn mein Tag voll ist. Ich bin Songschreiber, Produzent, ein Live-Künstler, ein Gitarrist. Mein Leben ist perfekt, wenn ich das alles sein kann. Ich habe ein Problem damit, wenn ich mir überlegen muss, was als nächstes zu tun sein könnte. Dann verliere ich meinen Fokus und bin irritiert und es ist schwierig, mit mir zusammen zu sein. Außer ich bin am Strand! Wenn die Sonne scheint und ich am Strand bin, geht es mir gut.“

    Da London gerade kalt ist, die Leute nicht einmal lächeln, wie Bluey bemerkt hat, ist für ihn die Musik so etwas wie die Sonne in der Tasche. Und der 53-Jährige bemüht sich, für andere die Sonne scheinen zu lassen. Er selbst sieht sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Lehrer und Heiler. „Wenn du es ein Talent bekommen hast, musst du es maximal nutzen. Ich könnte auf Tourneen vom Hotelzimmer auf die Bühne gehen, ein Konzert spielen, mich nachher betrinken und das Ganze am nächsten Tag wiederholen. Oder ich versuche eine Kommunikation mit dem Land, in dem ich mich gerade befinde. Ich interessiere mich für die Kultur, teile meine Kultur, ich versuche, den Spirit und die Herzen der Menschen zu berühren, versuche, dass sie ihr Leben besser verstehen. So wie das Stevie Wonder oder Gil Scott-Heron mit mir gemacht haben, als ich jung war. Ich versuche, diesen Effekt auf die Menschen zu haben.“ Bei soviel Tiefgang verwundert es nicht, dass sich Bluey auch sozial engagiert. Bei allem Engagement für die Musik findet der Workaholic dafür immer Zeit. Text & Fotos: cg

                   

Termin: 4.6., Strobels, Dortmund.