Story > Randi Tytingvåg

Sie ist erfrischend anders. Lebt lieber weiterhin in Stavanger im Westen Norwegens und nicht in der Hauptstadt Oslo, dort, wo ihre fabelhafte Band wohnt. Und auch musikalisch geht Randi Tytingvåg ihren ganz eigenen Weg.

Stavanger im Herbst. Die Kulturhauptstadt des letzten Jahres ist zwar die viertgrößte Stadt Norwegens, aber doch eher gemütlich und klein. Gut 120.000 Einwohner zählt der Ort, die Sängerin und Komponistin Randi Tytingvåg ist hier geboren und fühlt sich hier nach wie vor pudelwohl. „Vor zehn Jahren, da musste man noch nach Oslo ziehen, da war das Reisen hier in Norwegen noch sehr teuer. Heute ist es preiswert. Deshalb ist es für mich auch viel billiger, weiterhin hier in Stavanger zu leben“, schlägt Randi Tytingvåg gleich zu Beginn unseres Gesprächs auf den kalten Treppenstufen vor dem Stavangeren, dem Ort ihres Release-Konzertes am Abend, eine Brücke für ihre Heimatstadt. „Meine Familie lebt hier und hier kann ich mich richtig auf meine Musik fokussieren. Stavanger ist zwar klein, aber durchaus international. Wir haben das Jazzforum, das auch das jährliche MaiJazz-Festival organisiert, und das ganze Jahr über Konzerte und somit Inspiration. Nach Oslo muss ich nur, um zu proben oder für Plattenaufnahmen. Und wenn wir spielen, reisen wir ja sowieso alle.“

         Spielen, reisen - Randi Tytingvåg setzt nun mit Anfang 30 voll auf diese Karte. Ihren Job als Gesangslehrerin, den sie nebenbei betrieb, hat sie aufgegeben. Jetzt fühlt sie den Zeitpunkt gekommen, als Fulltime-Sängerin durchzustarten. Das neue Album Red, ihr drittes, ist fertig, Randi ist begeistert von der Zusammenarbeit mit dem neuen, deutschen Label Ozella Music, denn dessen Macher Dagobert Böhm habe sich wirklich um sie bemüht und gekümmert, erzählt sie. Jetzt ist Randi nur noch aufgeregt, denn am Abend wartet das Heimspiel im Stavangeren auf sie. Eltern, Bruder, Ehemann, natürlich viele Freunde und ihre ehemalige Gesangslehrerin Marit Ǻbotnes, der sie Red gewidmet hat und die sogar einen Flug in Kauf nimmt, um dabei sein zu können, sie alle werden im atmosphärischen, akustisch großartig klingenden  Stavangeren gespannt sein auf das neue Programm. Und so nutzt die Sängerin mit ihrer inzwischen vierköpfigen Band den ganzen Nachmittag, um zu proben und zu perfektionieren. „Meine Gesangslehrerin war sehr wichtig für mich“, erklärt Randi ihre Wertschätzung für die Dame mit dem langen Anreiseweg, „denn sie hat immer zu uns gesagt: Probiert was aus, seid neugierig.“    

         Darin hat sich Randi Tytingvåg bis heute gehalten. Sie ist neugierig geblieben, sie hat probiert und nun ihre ganz eigene Mischung gefunden. Eine Mischung, bei der Jazz neben Tango, Folklore, Cabaret und Weltmusikanklängen steht. Eine Mischung, bei der sich diese Zutaten wie selbstverständlich miteinander verbinden zu starken Songs, die eigentlich sogar mehr sind als nur Lieder. Es sind echte Geschichten. Randi Tytingvåg sucht in ihrer Musik nach Stimmungen, nach Farben, nach starkem Ausdruck, den sie den Liedern mit ihrer packenden, großen Stimme einhaucht. „Tom Waits war für mich immer eine große Inspiration, denn er ist ein Meister, Stimmungen in seinen Songs zu kreieren.“ Sie habe viel Musik aus dem Cabaret-Bereich gehört, verrät Randi noch und beim Songschreiben denke sie auch an Elemente aus dem Theater. All das sieht und spürt man abends beim umjubelten Releasekonzert von Red im Stavangeren. Alles passt. Die Lichtspiele auf der Bühne, der ab und an umherwabernde Trockeneisnebel, die Dramaturgie des Konzerts mit eher verhaltenen Songs und dann wieder emotionalen Ausbrüchen, das wunderbare Zusammenspiel ihrer Band. Mit Pianist und Keyboarder Anders Aarum, Bassist Jens Fossum und Akkordeonist Espen Leite musiziert Randi seit nunmehr fünf Jahren. Da hört man eine Vertrautheit, in die sich der neue Mann, Perkussionist Ivar Thormodsæter, erstaunlich schnell eingefunden hat. Auf dem Album sind noch weitere Musiker wie der Cellist Svante Henryson beteiligt, live aber ist das Quartett ihre Band.

         Neben zehn selbstgeschriebenen, kleinen Miniaturen über das Leben, alles, was Randi besingt, haben sie oder jemand in ihrem Umfeld tatsächlich erlebt, hat es ein einziger Jazzstandard auf die Platte geschafft: Cole Porters „My Heart Belongs To Daddy“, den einst schon Marilyn Monroe sang. „Das war die einzige Jazznummer, die mein Vater je akzeptiert hat. Dieses Lied habe ich mit 19 für ihn gesungen, damit er mich zum Gesangsstudium nach London lässt. Ich bin schließlich das jüngste von nur zwei Kindern und die einzige Tochter.“ Drei Jahre lebte und studierte Randi Tytingvåg in der britischen Metropole, zwei weitere danach noch in Norwegen. „Mein Studium in England hat mir sehr geholfen, immer ehrlich zu mir zu sein. Ich habe mich dort schon mit Old School Jazz beschäftigt, aber auch viele nicht-westliche Einflüsse und viel Weltmusik erlebt.“

         Dass so viele Sängerinnen aus Norwegen international erfolgreich sind, freut Randi Tytingvåg. Ihre Favoritin sei Solveig Slettahjell, bekennt sie. Und warum so viele Norwegerinnen Erfolg haben? „Ich weiß es nicht, vielleicht weil wir hier eine so gute Ausbildung haben. Es tut auf jeden Fall gut, dass so viele meiner Landsfrauen es so gut machen. Die Leute verbinden nun norwegischen Jazz mit guter Qualität. Sie sind positiv und interessiert, bevor sie dich gehört haben.“   

         Gleich zwei Mal spielen die Band und Randi „My Heart Belongs To Daddy“ an diesem besonderen Abend im Stavangeren. Live gewinnt der Song noch einmal gegenüber der schon guten Album-Version. Vor allem beim zweiten Mal, bei der zweiten stürmisch vom Publikum geforderten Zugabe, reißt diese Nummer mit ihrem Schwung, ihrer ausgelassenen Spielfreude, ihrem Spielwitz und ihrem Humor und ihrem Zwischenteil, der die Stimmung auf eine feurige Party irgendwo in Osteuropa überführt, regelrecht mit. Danach ist das Konzert vorbei. Randi Tytingvåg, die übrigens auch großartige Entertainerin, die auf der Bühne zwischen den Stücken immer wieder das Publikum zum Schmunzeln und Lachen bringt, ist  überglücklich. In einer Weinbar im Zentrum Stavangers klingt der Abend mit Ehemann und ein paar Freunden aus. Randi freut sich. Erst einmal darauf, am nächsten Morgen ausschlafen zu können. Denn dieser Tag begann früh, mit einem Flug von Oslo nach Stavanger, mit der langen Probe, dem JT-Interview und Fotoshooting. Und dann freut sich die sehr sympathische Norwegerin auf die Zukunft. Das Feld ist bestellt. Jetzt darf die Karriere so richtig beginnen. Text & Fotos: cg

   

Termine:

22.04.: Steinbruch, Duisburg
23.04.: Zeche Carl, Essen